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80 Stunden im intensiven Gefecht – Die verminderte Küsteneinsatzkompanie im Feldposten

Aus dem niedrigen Bewuchs des MYLBERGS heraus lässt sich der Oberleutnant B. durch einen zugeteilten Scharfschützen einweisen, er ist schon zehn Stunden vor Ort. Der Blick geht von NW nach N.

Herr Oberleutnant, ich melde: „Von hier bis zur gegenüberliegenden Kuppe auf 700 Meter kein Feind aufgeklärt. In Verlängerung auf 1000 Meter HÖHE 66 ebenfalls feindfrei, mögliche vorgeschobene Stellung zur weiterreichenden Aufklärung. Der Feldposten 300 Meter vor uns liegt genau so da, wie bei seiner Aufgabe vor ein paar Wochen. Drei teils gehärtete Stellungskampfsysteme und die alten Bauernhäuser dazwischen. Wir empfehlen den Ansatz zwischen dem nördlichen und dem mittleren Stellungssystem. Wir können an der nördlichen Waldkante überwachen.“

Die Ansichtsskizzen des SSchTrps bestätigen das Kartenstudium. Der Raum nordwestlich KLIETZ war schon einmal feindfrei gekämpft und die Präsenz eigener Kräfte vermindert worden. Nun haben sich die Irregulären Kräfte (IK) wieder auf ihre alten Nachschublinien besonnen und drohen kritische Infrastruktur zurückzugewinnen. Ein Feldflughafen befindet sich zwei Kilometer westlich, weiß der Oberleutnant. Sein verstärkter Zug „BRAVO“ liegt im Bewuchs des Hinterhanges in der Rundumsicherung.

Nach einem kurzen Gefechtsbefehl gewinnen zwei abgesessene Gruppen die Stellungssysteme. Der Oberleutnant lässt geschützte Fahrzeuge (GTF) vom Typ DINGO und EAGLE sowie Versorgungs-Tonner durch den kargen Bewuchs nachziehen. Aufgeklärt! Feind konnte die Kräfte beim Gewinnen der Stellungen aufklären und feuerte sofort auf die Marineinfanteristen. Sofort das gefürchtete Begegnungsgefecht. Die eigenen Schützen zwingen durch massives Feuer die feindliche Gefechtsaufklärung zur Entfaltung, während der stellvertretende Zugführer die Fahrzeuge auflockern und unterziehen lässt.  „GOLF zu mir!“ Während der Feind aus eilig bezogenen Stellungen niedergehalten wird, sprinten vier Soldaten zu ihrem Dingo. GOLF, die Granatmaschinenwaffe 40mm, wird auch zwischen den Bodenwellen im Vorfeld Wirkung erzielen. Sie ist auf zwei Universaltragen 2000 gezurrt und auf der Ladefläche verstaut. Die Handgriffe sitzen. Oberbootsmann S. ist klar, dass sein Zugführer das schwere Feuer braucht, bevor der Feind verstärkt werden kann. Trotz des durchschnittenen Geländes lässt er sich keine zwei Minuten später in eine Stellung einweisen und winkt den Trupp heran. In Kürze wird die Marineinfanterie dem Feind gehörig den Tag vermiesen!

Diese Übung begann vor 20 Stunden mit der Befehlsausgabe an den Führer des verstärkten Zuges. Die Küsteneinsatzkompanie ist zur Überwachung eines erheblich großen Raumes um den MYLBERG auf der Schießbahn 13 des Truppenübungsplatzes KLIETZ eingesetzt und errichtet dazu Feldposten mit weitreichenden Aufklärungs- und Wirkmitteln. Planung, Personaleinteilung und Vorbereitung der Fahrzeuge, Verteilung von Material und Munition folgen. Im Morgengrauen werden 60 Mann mit sechs GTF und zwei Tonnern in den Einsatzraum verlegen. Eine Gruppe von Führern ist als Übungsleitung eingesetzt und bereitet derweil Schießbahn, Material und Schießbahnbunker vor. Tausende Schuss Gefechtsmunition lagern jetzt hier, zusätzlich Übungsmunition für GraMaWa und Panzerfaust, Manövermunition für die Nächte, markierte Magazine – alles fein säuberlich auf einer Wandtafel notiert. Jede scharfe Patrone muss zurück sein, bevor nachts Lagendarsteller auf die Übungstruppe im Feldposten ansetzen können.

Diese Teilübung stand fast zu Beginn des Übungsplatz-Aufenthaltes der KEK. Ziel war es, die Übungstruppe unter widrigsten Bedingungen intensiv im laufenden und wenig unterbrochenen Gefecht weiter zu schulen. Dabei stand neben den Tätigkeiten des Einzelschützen, das Leben im Felde und dem Bedienen der schweren Waffen, wie sMG, GraMaWa sowie FLW 100, insbesondere auch die komplexe Führerleistung des eingesetzten Zugführers im Mittelpunkt. Ihn traf die schwierige Aufgabe, einen überdehnten Gefechtsstreifen nicht nur statisch, sondern vielmehr dynamisch zu beherrschen. Die Koordination seiner Schwerpunktwaffen, der Einsatz von Spähtrupps auf- und abgesessen und die geringen Ruhezeiten forderten den Führern viel ab. Gleichzeitig war die Übung eine enorme Herausforderung für das Leitungspersonal. Eine für Infanteristen unwirkliche Schießbahn mit einer Ausdehnung von ca. zwei mal sechs Kilometer, die Vielfalt an eingesetzten Waffen beim Gefechtsschießen und die Trennung zwischen Gefechtsschießen am Tag und dem nächtlichen Ansatz mit Manövermunition, waren eine enorme logistische, organisatorische und insbesondere sicherheitstechnische Herausforderung. Hier war von allen Seiten Flexibilität gefragt.

Zurück zur Übung.

Unterhalb des MYLBERGS treibt der erfahrene Hauptbootsmann O. als StvZgFhr die Männer und Frauen an. Alle wissen: Die eigenen Stellungen sind aufgeklärt! Das Einrichten einer geschützten Schlafstatt wird warten müssen. Der vorderste von drei Feldposten muss ausgebaut werden, denn Gefechtsaufklärung wird nie zum Spaß entsandt. Sandsäcke, Markierungen und Munition werden verbracht, Stellungen ausgebaut und getarnt. Die Infrastruktur lässt zu wünschen übrig. Der Winter in KLIETZ und die schweren Stürme haben den Bauten zugesetzt: Gemütlich wird es – wie gewöhnlich – nicht. Schwere Waffentrupps richten sich in unmittelbarer Nähe zu ihren Stellungen so ein, dass sie aus ihren Rucksäcken leben können. Unter ihrer Überwachung können die restlichen Kräfte Alarmwege einlaufen und die Führer Skizzen und Karten verbessern. Doch wie erwartet meldet sich bald der Scharfschütze am Funk. Die Alarmwege haben sich zu bewähren. Über das weite Gelände stößt Feind mit teils schwach geschützten Fahrzeugen vor.

Der Zugführer ist entschlossen, den soeben gewonnenen Feldposten im Zentrum der Kompanie zu halten. Er lässt den Feind über die größte Kuppe treten und setzt ihm unmittelbar finster zu: Gleich mehreren schweren Kalibern gibt er Feueraufträge. Das schwere Maschinengewehr wirkt von links flankierend vor den Feldposten und kämpft mit scharf knallenden Feuerstößen gegen wechselnde Ziele. GOLF, die GraMaWa, schießt sich auf schwerere Fahrzeuge ein: „Wirkungsfeuer! Bewegungsunfähig, Zielwechsel!“ Der Feind muss ausbooten und kämpft sich durch das durchschnittene Vorfeld an den Feldposten heran. Die Gruppenführer beginnen, ihren Infanteristen Ziele zuzuweisen. Da kommt die Meldung von GOLF: „Feindmeldung! Achtung Durchbruch! Rechte Flanke gepanzertes Fahrzeug nur beschädigt, verschiebt sich in der Senke weiter nach Nord, kann nicht mehr wirken!“ Der Zugführer schaltet schnell genug: „FAUST in die Ausweichstellung!“ Oberbootsmann D. führt die Panzerfaustschützen mit knappen Kommandos, es knallt viermal dumpf durch die Stellungen -die PzFst 3 mit Übungsmunition (Gipskopf) unterscheidet sich von der Wucht her nicht von den Hohlladungsgeschossen-: die Flanke ist wieder sicher. Der Angriff wird abgeschlagen, der Zug arbeitet hart und gut.

Nachts, mittlerweile mit Manövermunition, der Schock – eine FLW 100 ist schlecht positioniert und kann den eingesetzten feindlichen Spähtrupp nicht aufklären. Er schafft es bis in die eigene Stellung und sorgt so für empfindliche Ausfälle, bevor er mit den alarmierten Teilen gestellt und vernichtet werden kann. Betretene Gesichter bei der Auswertung. Unverzüglich und noch bei eingeschränkter Sicht wird der Operationsplan umgeworfen und an die erkannte Schwachstelle angepasst. Dem Feind wird mit seinen Hauptkräften nicht die gleiche Chance eingeräumt. Zusätzlich wird in den frühen Morgenstunden die vorgelagerte HÖHE 66 besetzt. Eine verstärkte Gruppe soll Feind noch frühzeitiger aufklären und abnutzen. Mit zwei FLWs und der GraMaWa sowie Scharfschützen wird hier eine kampfkräftige Stg eingerichtet. Bei zu großem Druck kann die Gruppe eigenbeweglich auf die eigene Linie zurückgenommen werden. Diese „Bremse“ bewährt sich über die folgenden 12 Stunden. Der Hauptstoß des Feindes in Kompaniestärke wird trotz seines nächtlichen Erfolges schon früh verlangsamt. GraMaWa, sMG und mehrere, teils lafettierte MG3, reißen den Gefechtsstreifen in fliegende Fetzen. Nach mehreren Stunden unerbittlichen 40mm Feuers bersten unglückliche Birken. Meldungen von verbissen kämpfenden Soldaten und die Kommandos ihrer ständig sprintenden Gruppenführer mischen sich zum Gefechtslärm. Dennoch lässt seine Wucht den Feind erneut die Bodenwellen vor dem Feldposten gewinnen. Unter feindlichem Granatfeuer ist der Zugführer immer wieder gezwungen, auf Schwerpunkt-Waffen zu verzichten, die ihre Stellungen wechseln müssen. Die gesamte Zugstellung liegt in einer Wolke aus Pulver, Rauch und den ausdampfenden Infanteristen. Am Ende des zweiten Tages kann auch der KpVersTrp den Aufnahmepunkt hinter dem BRAVO-Zug nicht mehr anfahren. Der Zugführer entschließt sich, die restliche Munition der schweren Waffen zurückzuhalten. Die Marineinfanteristen bereiten sich auf den Nahkampf vor. Panzerfäuste werden in Verlängerung der Einschnitte in Stellung gebracht, Handgranaten bereitgelegt, Mun-Bestände ausgeglichen. Im vorletzten Sprung erwischen sie den abgekämpften Feind: Granaten und massives Abwehrfeuer reißen ihn aus seinem Angriffsschwung direkt ins Verderben. Die verbliebenen Fahrzeuge werden beim Ausweichversuch durch die Panzerfaustschützen vernichtet.

Es ist Freitagmittag, 48 Stunden Gefechtsschießen und Übung unter widrigster Witterung stecken in den Knochen der Soldaten. Regelmäßige Besucher von Truppenübungsplätzen würden hier das „Übungsende!“ erwarten. Es bleibt aus. Die Leitungsgruppe hat ein letztes Mal den Wechsel auf Manövermunition vorbereitet, um verzugslos in eine freilaufende Übung mit Darstellern überzugehen. Ich streife mir die Leitenden-Armbinden ab und lasse mir die Infanteristen melden. Es ist mein Zug, den ich bis hierhin nicht ohne Stolz beübte. Nun übernehme ich den verstärkten II. Zug mit einem Folgeauftrag. Nach Vernichtung der feindlichen Hauptkräfte werden wir einen logistischen Stützpunkt weiter im Westen von Vorauskräften übernehmen und sichern, um den weiteren Verbündeten Nachschubumschlag zu garantieren. Wir rechnen kaum noch mit koordiniertem feindlichen Auftreten, gliedern den Zug jedoch noch in der Stellung sorgfältig an den Auftrag angepasst um.

Ich erreiche das Feldlager mit einer Spitzengruppe, lasse mir Sicherungsbereiche zuweisen, treffe mit dem Gruppenführer Vorkehrungen für die Aufnahme der Hauptkräfte und beginne mit der Ablösung in der Stellung. Trotz der erheblichen Vorbelastung merke ich allen an: Besondere Gefechtshandlungen sind kein Grund für besondere Nervosität mehr. Zwei Stunden später haben zwei Sicherungs- und zwei bewegliche GTF-Alarmgruppen zugewiesene Stellungen, Einzelaufträge und Unterkunft. Auf die Meldung „BRAVO, Gefechtsbereitschaft!“  hat die Kompanie schon gewartet. Raumüberwachung durch Spähfahrten und Konvoischutz beschäftigen uns über die gesamte eisige Nacht. Im leichten Schnee bereitet der Checkpoint-Führer am Morgen die Aufnahme eines weiteren Konvois vor. Plötzlich schreien die FLW-MGs durch die Ebene vorm Feldlager. Die Meldungen am Funk überschlagen sich – ohne das eingerichtete Relais könnten wir sie kaum aufnehmen. Offenbar haben die FLWs einen feindlichen Scharfschützentrupp in der Annäherung auf das Feldlager aufgeklärt und in Deckung gezwungen. Einigeln ist nicht unser Stil, ich entschließe mich: „Ausrücken!“ Einen Gefechtsbefehl später reite ich meiner zweiten Alarmgruppe voran aus dem Lager. Wir machen den Trupp im Gegenstoß auf- und abgesessen nieder. Doch offenbar mobilisieren die IK ihre letzten Kämpfer. Alarm zwingt uns in die Stellungen. Plötzlich auch Feind aus der anderen Flanke! Ich lese die Reaktionen meiner erfahrenen Portepees – einer kämpft besonnen, fast ruhig. Zwei andere müssen teils schon das Feuer freigeben. Scheinangriff und Hauptstoß! Schweres Feuer verlegen, Trägertrupps für Munition einteilen! Die Jungs verteidigen ihre Container genau so verbissen, wie zuvor ihre Schützenlöcher. Schließlich ist die Finte niedergekämpft und die Alarmgruppe kann mit ihren GTF Verstärkung und Munition von der Kompanie einholen. Eine weitere halbe Stunde kämpfen wir, dann kommen die Truppen zur Verstärkung: „Ich sehe euch, ich höre euch! Spitzenfahrzeug EAGLE!“ „Das sind wir!“ Unter enormen Dreck- und Staubwolken kommen die Truppen im Lager zum Stehen und verstärken meine Stellung. Schon bald regt sich gegenüber nichts mehr.

Zwei Züge der Küsteneinsatzkompanie übten im Februar als BRAVO-Zug 80 Stunden lang auf dem Truppenübungsplatz in KLIETZ. Und dies war nur ein Teilausschnitt aus dem zweiwöchigem Aufenthalt in SACHSEN-ANHALT.

Alle Schießen und Teilübungen waren in eine Gesamtlage eingebettet. Final gemündet ist der Übungsplatz in einen Angriff über die HAVEL, in Zusammenarbeit mit den Pionieren aus HAVELBERG. Dies war der krönende Abschluss des I. Quartals 2018 der Küsteneisatzkompanie des Seebataillons, deren Marineinfanteristen von elf möglichen Ausbildungswochen von Januar bis März, fünf Wochen auf den Übungsplätzen LEHNIN und KLIETZ und drei weitere Wochen auf Standortübungsplätzen verbracht haben.

Diese Männer und Frauen beherrschen ihr Handwerk. „Achtung – FEUER!“

Text und Fotos: KptLt Konieczek, Zugführer II. Zug KEK, Im Einsatz, LIMASSOL CYP

Zugführer mit Funker.

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