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Besonderer Besuch aus Norwegen

Die Sonne scheint vom fast wolkenlosen Himmel. Das Mai-Grün hat in den vergangenen Tagen seine volle Kraft entwickelt. Die Rapsblüte ist im Anmarsch. Das Blau der Kieler Förde ist ein toller Kontrast dazu. Einen schöneren Tag hätte sich Ole Thomesen für seinen Besuch im Technischen Museum U 995 und im Marine-Ehrenmal nicht aussuchen können. Gemeinsam mit sieben Freunden ist er aus Norwegen nach Laboe gekommen, um noch einmal „sein Boot“ zu besuchen. Der 85-Jährige ist der letzte noch lebende Kommandant der „Kaura“.

„Kaura“ – so hieß U 995, als das U-Boot unter norwegischer Flagge fuhr. Es war eines von drei U-Booten, die sich zur Zeit der Kapitulation im Jahre 1945 gerade in der Werft im norwegischen Trondheim befanden. Dadurch entgingen sie der sogenannten „Operation Deadlight“*. Die drei U-Boote befanden sich von 1952 bis 1962 im Dienst der königlich norwegischen Marine und trugen die Namen „Kinn“, „Kya“ und „Kaura“. Thomesen ist auf allen drei Booten gefahren und war 1961/62 Kommandant der „Kaura“.

Als Thomesen die U 995 sieht, werden sofort Erinnerungen wach. „Ich bin gerne mit den deutschen U-Booten unterwegs gewesen, denn sie besaßen einfach die beste Technik. Sie waren zum Beispiel schneller als andere U-Boote. Ihre Höchstgeschwindigkeit lag bei 17 Knoten im aufgetauchten Zustand.“ So brauchte die Crew deutlich weniger Zeit, um zu ihren Einsatzorten zu gelangen. Die norwegische Marine nutze „Kinn“, „Kya“ und „Kaura“ in erster Linie, um den Nachwuchs auszubilden. „Aber zu der Zeit, als ich auf den drei U-Booten gefahren bin, herrschte auch der Kalte Krieg und so sind wir oft in Flottenverbänden mit Briten, Franzosen und Amerikanern an der Grenze zu Russland unterwegs gewesen.“

Die Crew der „Kaura“ bestand aus 53 Mann und die einzige Toilette befand sich direkt neben der Kombüse. Dennoch hatte die „Kaura“ im Vergleich zu anderen U-Booten mehr Komfort, erinnert sich Thomesen. „Die „Kaura“ war deutlich besser isoliert, so dass nicht so viel Kondenswasser an der Hülle entstand und die Sachen nicht so klamm wurden.“ Zudem war das U-Boot für den Dienst in der norwegischen Marine umgerüstet worden. Es besaß beispielsweise keine Bewaffnung mehr auf dem Turm. „Dadurch hatten wir dort oben viel Platz, um frische Luft zu schnappen und den Blick schweifen zu lassen“, berichtet Thomesen.

Den größten Schreckmoment erlebte Thomesen mit der „Kaura“ während einer Übung in der Irischen See. „Wir waren die meiste Zeit auf Tauchfahrt. Jedes Mal, wenn wir auftauchen wollten, nahmen uns Jagdflieger ins Visier, so dass wir schnell wieder tauchen mussten. Dadurch erhöhte sich stetig der Luftdruck im U-Boot. Das ging so weit, dass das Manometer komplett am Anschlag war.“ Als die Übung zu Ende war, konnte die „Kaura“ endlich wieder auftauchen. „Als erstes sollte natürlich ein Druckausgleich erfolgen“, so Thomesen. „Leider haben zwei dafür wichtige Ventile im U-Boot fast identische Namen und die Telefonverbindung in den Technikraum war schlecht, so dass der Techniker am anderen Ende der Leitung verstand, das falsche Ventil zu öffnen. Das führte dazu, dass innerhalb kürzester Zeit 65 Tonnen Wasser ins Boot eindrangen. Sofort geriet das Boot in Schieflage und sank binnen kürzester Zeit auf 220 Meter Tiefe.“ Die größte erreichte Tauchtiefe von U 995/ „Kaura“ lag bei 240 Metern. Da waren Thomesen und seine Crew in diesem Moment ziemlich nah dran. Angst hatte er jedoch nicht. „Bis auf das eingedrungene Wasser hatten wir ja keinen Schaden. Wir sind einfach mit „Volldampf“ zurück an die Wasseroberfläche und haben währenddessen das Wasser mithilfe von Pumpen wieder nach draußen befördert.“ Dennoch war es ein Erlebnis, das Thomesen bis heute nicht vergessen hat. Er ist froh, dass er seinen Freunden noch einmal die „Kaura“ zeigen konnte. „Reisen wird mit 85 Jahren nicht leichter“, so Thomesen. Aber dank seines Besuches lebt die Erinnerung weiter.

*Die Operation Deadlight war eine militärische Operation der britischen Royal Navy und der polnischen Marine zur Versenkung von an sie übergebenen deutschen U-Booten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa (Quelle: Wikipedia)

Text und Fotos: Jana Tresp, Deutscher Marinebund

Thomesen (rechts) mit seinen Freunden vor U 995/"Kaura".

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