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Die ersten Wehrpflichtigen der Bundesmarine

Sie gehören der Crew IV/58R an, der ersten Crew von Wehrpflichtigen, die die damalige Bundesmarine im April 1958 parallel zur Crew IV/58 der Berufsoffizieranwärter (BOA) einberief. In Erinnerung an ihre gemeinsame Dienstzeit trafen sich insgesamt 20 von den ehemals rund 200 Rekruten vom 16. bis 19. September mit ihren Damen im Hotel „Admiral Scheer“, Laboe. Bei einem Besuch bei der Einsatzflottille 1 wurden die Teilnehmer vom Kommandeur, Flottillenadmiral Christian Bock, begrüßt (Foto). Weitere, ebenso eindrucksvolle Besuche fanden u.a. im Marine-Ehrenmal Laboe (Foto) mit historischer Ausstellung, im Helmholtz-Meeresforschungsinstitut GEOMAR sowie im U-Boot-Ehrenmal Möltenort statt. Feierlicher Abschluss des Jubiläumstreffens war ein Festessen im Restaurant „Heimathafen“ des Hotels „Admiral Scheer“.

Zum Zeitpunkt der Einberufung war die Bundeswehr noch keine zweieinhalb Jahre alt. Während der Grundwehrdienst bei Heer und Luftwaffe 12 Monate dauerte, mussten sich Wehrpflichtige, die ihren Dienst als Reserveoffizieranwärter (ROA) bei der Marine ableisten wollten, für mindestens 18 Monate verpflichten. Absicht und Hoffnung der Marineführung war, den Aufbau ihrer Teilstreitkraft durch Anwerbungen aus der ROA-Crew zu fördern. Tatsächlich wechselten nach einem Jahr 20 ROA in die parallel geführte BOA-Crew über. Ihre Berufslaufbahn endete ohne Ausnahme als Stabsoffizier, einige von ihnen erreichten Dienstgrade bis zum Kapitän zur See, Flottillenadmiral und Admiralarzt.

Die meisten ROA verließen nach Abschluss ihrer Wehrdienstzeit die Bundesmarine und stiegen später in zivilen Berufen auf. Die Mehrzahl hatte die Seeoffizierprüfung bestanden und war daraufhin zum Fähnrich zur See der Reserve ernannt worden. Diejenigen, die es ermöglichen konnten, schlossen in Wehrübungen die Ausbildung zum Reserveoffizier ab. Besondere Verwendungen in weiteren Wehrübungen führten auch hier zu höheren Dienstgraden.

Bei den regelmäßigen Treffen der Crew im Abstand von zumeist zwei Jahren werden immer wieder prägende Erinnerungen an ihre Wehrdienstzeit wach. Begonnen hatte diese mit drei Monaten Grundausbildung bei der 1. Schiffstammabteilung in Wilhelmshaven-Ebkeriege. Danach folgte ein technischer Grundlehrgang von ebenfalls drei Monaten Dauer an der Technischen Marineschule (TMS II) in Bremerhaven. Es folgte ein halbes Jahr Bordausbildung auf den Booten BREMSE, HUMMEL und WESPE des 1. Geleitgeschwaders (Cuxhaven) sowie auf den Begleitschiffen EIDER und TRAVE des Schulgeschwaders Ostsee (Kiel).

In der heutigen Deutschen Marine weiß kaum noch jemand, dass vor 60 Jahren, von Mitte November bis kurz vor Weihnachten 1958, die Bundesmarine zum ersten Mal an einem NATO-Manöver im Atlantik teilgenommen hat und dass es das 1. Geleitgeschwader war, welches den deutschen Beitrag leistete.

Nach Abschluss des Manövers verfügten die auf den Booten des Geschwaders eingeschifften Kameraden der Crew IV/58R gegenüber denen im Schulgeschwader Ostsee bereits über erste seemännische Erfahrungen, bevor die vom Bundesminister der Verteidigung befohlene Auslandsausbildungsreise begann. Laut Reisebefehl unterschrieben vom Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Ruge, und Generalinspekteur der Bundeswehr, General Heusinger, verließen das 1. Geleitgeschwader und das Schulgeschwader Ostsee am 10. Januar 1959 Kiel. Die Auslandsausbildungsreise (AAR) führte in zwei getrennt fahrenden Gruppen über Helsingborg/Schweden, durch Kattegat, Skagerrak und Ärmelkanal nach Dover, Davenport, Plymouth/Großbritannien, Leixoes/Portugal, Gibraltar ins Mittelmeer nach Civitaveccia sowie Neapel/Italien. Auf der Rückreise wurden Cartagena, Cádiz, Vigo/Spanien, St. Malo und Cherbourg/Frankreich angelaufen. Bis zum 20. März 1959 hatten die Ausbildungsverbände zurückzukehren.

Zeitgleich fand die AAR der BOA statt. Da das neue Segelschulschiff GORCH FOCK damals für deren Ausbildung noch nicht zur Verfügung stand, war die Crew auf die Kohlenboote (M40/43) des in Bremerhaven stationierten 2. Minensuchgeschwaders verteilt worden („Schwarze Gang“). Das Geschwader besuchte mit Ausnahme von Schweden dieselben Länder wie die beiden anderen Geschwader, machte aber in anderen Häfen fest. Für die meisten Auslandshäfen war dies der erste deutsche Kriegsschiffbesuch nach dem II. Weltkrieg. Die „neuen“ deut­schen Marinesoldaten, unterwegs zu Seekadetten befördert, wurden dort inte­res­siert beobachtet doch auch überwiegend freundlich wahrgenommen.

Nach der AAR beendeten etwa 70 Wehrpflichtige der ROA-Crew ihre Dienstzeit. Für 130 Mitglieder begann am 1. April 1959 an der Marineschule Mürwik der sechsmonatige Fähnrichslehrgang. Während die BOA-Crew im Hauptgebäude wohnte, war die ROA-Crew im Trampedachlager (aus dem Krieg verbliebene Baracken) auf dem Gelände der Marineschule untergebracht. Der Abteilungskommandeur, Karl Peter, damals Korvettenkapitän, zuletzt Konteradmiral, schrieb in seinem Buch „Acht Glas“, er habe keine bessere Crew erlebt als diejenige, die er von April bis September 1959 geführt hat. Entsprechend denken die Crewmitglieder in Hochachtung an Karl Peter und an seine Gruppenoffiziere, die Kapitänleutnante Lothar Sellke, Johannes Kowalik und Dr. Helmut Reinhardt zurück.

Die kürzlich im „Sommerloch“ aufgeflackerte Diskussion um die Wiedereinführung der seit Mitte 2011 ausgesetzten Wehrpflicht hat natürlich auch Angehörige der Crew IV/58R beschäftigt. Die geschrumpfte Bundeswehr mag derzeit bei hoher Belastung gerade noch in der Lage sein, Krisen in Afghanistan, Mali, im östlichen Mittelmeer oder an den Küsten Afrikas mit Unterstützung anderer Staaten einzudämmen. Doch der im Grundgesetz zugewiesene Auftrag, Abwehr eines Angriffs auf die Bundesrepublik (oder einen NATO-Partner), wird ohne ein grundausgebildetes Reservisten-Reservoir kaum erfüllbar sein. Der politische Mut zu einer bisher stets vermiedenen (öffentlichen) Debatte über eine realistische Sicherheitsstrategie Deutschlands sollte endlich aufgebracht werden. Natürlich lassen sich die aufgelösten Strukturen nur mit viel Zeit und Finanzmitteln wiederaufbauen, doch die Auswirkungen einer verfehlten Sicherheitspolitik werden unabsehbar größer sein.

Allein für das Nachwuchsproblem der Bundeswehr weiß diese Crew aus eigener Erfahrung, dass sich Wehrpflichtige während ihrer Dienstzeit viel leichter für eine aktive Laufbahn entscheiden als Außenstehende. Bei der Crew IV/58R waren es trotz zeitlicher Nähe zum Kriegsende und trotz des damals weit verbreiteten „Ohne-mich!“-Standpunkts immerhin runde 10 Prozent. „Durch Wehrdienst lassen sich Nachwuchsprobleme entschärfen und die Streitkräfte besser in die Gesellschaft einbinden!“ – so einige der inzwischen über 80-Jährigen.

Text: Wulf Hornung

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