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Die „grauen Engel“ der Marine

Der größte Marinestützpunkt Wilhelmshaven ist die Heimat der Fregatten und Einsatzgruppenversorger. Aber nicht nur sie sind hier „Zuhause“! Auch die Schlepper der „Nordstrand-Klasse“ liegen hier an der Pier. Mit 23 Tonnen Pfahlzug, sind sie die Kraftpakete der Marine.

Es ist kühl und das Wasser im Hafen am Marinestützpunkt Wilhelmshaven ist ruhig. Durch den grauen Nebel, sind lediglich die Silhouetten der „Hafenlieger“ zu erkennen. Doch das ist nicht alles. Zwischen ihnen befinden sich drei kleine, graue Schiffe: Die Marineschlepper! Als Abschleppdienst der besonderen Art sorgen sie tagtäglich dafür, dass die Schiffe sicher an die Pier anlegen können. Weil das Hafenbecken sehr eng ist, ist dabei Millimeterarbeit gefragt.

Die „Scharhörn“
Der Hafenschlepper „Scharhörn“ ist einer von ihnen. Sie wurde in Husum gebaut und ist seit nun 27 Jahren im Dienst der Flotte. Kapitän des 30,31 Meter langen und 9,14 Meter breiten Schiffes ist Frank Jannusch. Seit 2012 hat er das Kommando und kümmert sich zusammen mit seiner acht köpfigen Zivilbesatzung, um die großen Schiffe am größten Marinestandort. Egal ob Auslaufen, Einlaufen oder Verlegen eines Schiffes – ohne ihn und sein Schiff geht es nicht!

Erst Decksdienstsoldat – Jetzt Kapitän
Er selbst war von 1997 bis 2009 als Decksdienstsoldat bei der Marine. „Dass ich bei der Marine war, hilft mir in meiner jetzigen Funktion und macht vieles einfacher, da ich die internen Abläufe schon kenne“, erklärt er. Nach der Bundeswehr nutze Jannusch die Zeit zur Vorbereitung auf die zivile Berufswelt. Er absolvierte eine Ausbildung zum Techniker an der Seefahrtschule Warnemünde im Bereich Nautik. Im Anschluss an die  zweijährige Ausbildung ging es für ihn zurück zur Marine. Dieses Mal allerdings im zivilen Bereich und als Kapitän des Marineschleppers „Scharhörn“. „Als ehemaliger Schnellbootfahrer war es am Anfang ungewohnt auf einer geschlossenen Brücke zur See zu fahren“, erklärt er mit einem kleinen Schmunzeln.

Klein aber fein
An Bord des Marineschleppers ist er der „Chef“. Doch auch er muss mit anpacken. „Wird eine helfende Hand im Maschinenraum benötigt, dann muss auch ich mir die Hände schmutzig machen oder den Farbpinsel schwingen. So ist das bei uns. Da wir nur acht Mann an Bord sind, müssen wir uns gegenseitig unterstützen“, erklärt er.

Vor jedem Auslaufen, muss alles fest verzurrt und verstaut sein. „Das ist sehr wichtig, weil der Schlepper über 2.230 PS hat und im Einsatz eine Schräglage von 35° Grad erreichen kann“, fährt er fort. Zudem kann er den Schlepper auf dem Punkt drehen und wenden, was ebenfalls notwendig ist, um die großen Schiffe im sehr kleinen Hafenbecken zu rangieren.

Die „Scharhörn“ und ihre zwei Geschwister aus Wilhelmshaven, die „Knechtsand“ und die „Vogelsand“ sind richtige Kraftpakete. 23 Tonnen Pfahlzug sind für sie kein Problem. Einmal im Quartal muss er seine „Scharhörn“ einem Belastungstest unterziehen. „Hierbei werden die Motoren bis zum Limit gefahren, damit wir überprüfen können, ob alles in Ordnung ist“, erklärt der Kapitän.

Abschleppdienst und Feuerwehr zugleich
Aber die kleinen Kraftpakete sind nicht nur der Abschleppdienst der Marine. Sie können auch als Feuerwehr agieren. Wenn es an Bord einer Fregatte brennt, haben sie die Möglichkeit mit der Feuerlöschkanone das Schiff von außen zu kühlen. „Das haben wir einmal zu Übungszwecken gemacht. Alle waren nass an Oberdeck und die graue Farbe an der Stelle war weg“, erklärt er mit einem Lächeln.

800 Einsätze pro Jahr
Jeder Meter, den die „Scharhörn“ fährt, muss sorgfältig dokumentiert werden. So muss der Kapitän Tagebuch führen. „2017 sind alle Hafenschlepper zusammen 876 Einsätze gefahren“, betont er stolz. Wenn eine Fregatte ausläuft, werden dafür immer zwei Schlepper benötigt. Damit dabei nichts schief geht, stehen beide Schlepper und das Schiff über Funk im ständigen Kontakt. „Wir müssen immer miteinander kommunizieren. Es wäre äußerst ungünstig, wenn uns das geschleppte Schiff auf einmal überholt“, erzählt Frank Jannusch mit einem Schmunzeln. Und dann kann es losgehen.

Das Auslaufen der Fregatte „Hessen“
Am Montag stand Auslaufen der Fregatte „Hessen“ auf dem Programm. Pünktlich zum Auslaufen machen sich die „Scharhörn“ und die „Vogelsand“ bereit und positionieren sich jeweils vor und hinter der Fregatte. Die Besatzungsmitglieder übergeben die Schleppleine an den Soldaten auf der Fregatte. Und schon hängt der tonnenschwere, graue Stahl an den vergleichsweise kleinen Marineschleppern, welche das Schiff wie eine „Feder“ hinter sich her ziehen. Vom Schleppdraht wird dabei eine Menge abverlangt.

Volle Kraft voraus
„Scharhörn mehr nach Steuerbord“, ertönt es über Funk. Über das Telefon gibt Frank Jannusch zurück: „Scharhörn verstanden.“ Jetzt liegt es an ihm, die „Scharhörn“ passend zu positionieren. „Es ist wichtig alles im Überblick zu behalten“, erläutert er konzentriert. „Dabei spielt der Wind natürlich auch eine Rolle. Bei starkem Sturm und Windstärke auf einer Skala von zehn bis zwölf stoßen auch wir an unsere Grenzen“, fährt er fort.

Als die Fregatte „Hessen“ das „Auf Wiedersehen“ Schild am Ende der 4. Einfahrt passiert, ist es vollbracht. Die Besatzung hat ihre Aufgabe für heute gemeistert und es geht zurück an die Pier. Dort angekommen, wird die 400 Meter lange Schleppleine auf Beschädigungen geprüft und das Schifftagebuch geführt bevor die Mannschaft der „Scharhörn“ in den Bereitschaftsdienst wechselt. Die „Scharhörn“ kann sich jetzt ausruhen, damit sie am nächsten Tag wieder volle Kraft voraus fahren kann.

Autor: Kim Brakensiek, Presse- und Informationszentrum Marine

Schlepperkapitän Frank Jannusch vor seiner Scharhörn (Quelle: 2018 Bundeswehr / Kim Brakensiek/Presse- und Informationszentrum Marine)

Alle drei Hafenschlepper an der Pier in Wilhelmshaven (Quelle: 2018 Bundeswehr / Kim Brakensiek/Presse- und Informationszentrum Marine)

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