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Ein unbekanntes Kapitel der deutschen Marinegeschichte

Sonderausstellung im Internationalen Maritimen Museum in Hamburg zu den Einsätzen der Pionier-Landungs-Kompanie aus Harburg im Ersten Weltkrieg vom 21. September bis zum 15. Dezember 2017.

Am 19. September 1917 befahl Wilhelm II. die Operation „Albion“, die größte amphibische Operation des Kaiserreiches im Ersten Weltkrieg. Das Ziel der Unternehmung war die Besetzung der baltischen Inseln Ösel, Dagö und Moon. Mit ihnen beherrschte das Zarenreich strategisch die mittlere und nördliche Ostsee. „Albion“ war zugleich die erste gemeinsame Operation von Heer und Marine. Unter dem Schutz von 77 Kriegsschiffen setzte eine Transportflotte mit 19 Dampfern (120.000 BRT) im Oktober 1917 insgesamt 24.600 Soldaten, 8.500 Pferde, 2.500 Fahrzeuge sowie 340 Geschütze, Minenwerfer und MG vom lettischen Libau auf die baltischen Inseln über. Eine entscheidende Rolle bei dieser Operation spielte die selbstständige Pionier-Landungs-Kompanie (Pilako) des Pionier-Ersatzbataillons Nr. 9 aus Harburg. Sie verfügte über 300 Soldaten sowie einen Bootspark mit 12 „Pferdebooten“, vier „Brandungsbooten“ und zwei Barkassen. Sie war zugleich die einzige Einheit des Heeres, die während des Ersten Weltkriegs ständig mit der Kaiserlichen Marine operierte und viel Zeit auf Hilfsschiffen der Marine verbrachte. Ihre Angehörigen waren zumeist ehemalige Seemänner oder stammten aus verwandten Berufen. Der Hamburger Hafen war auch vielfach Ausgangspunkt für Unternehmungen der Pionier-Landungs-Kompanie.

Pionier bei der Kaiserlichen Marine

Der Geschichte der Pilako und ihrer Einsätze auf der Donau in Serbien und Rumänien, den baltischen Inseln und im Finnischen Freiheitskrieg widmet sich jetzt zum allerersten Mal eine sehenswerte Sonderausstellung im Internationalen Maritimen Museum Hamburg (IMMH). Sie wurde am 21. September 2017 auf Deck 1 des IMMH in Anwesenheit zahlreicher Gäste aus Finnland eröffnet und wird bis zum 15. Dezember gezeigt. Ein Zufall hatte den Kurator der Ausstellung, Ulrich Schiers, bereits 2014 auf die Spur der Pilako gebracht. „Ursula Karting, ehrenamtliche Mitarbeiterin im Museum, erzählte mir vor etwa drei Jahren, ihr Großvater sei Pionier bei der Kaiserlichen Marine gewesen“, erinnerte sich der langjährige wissenschaftliche Mitarbeiter des IMMH bei seiner Eröffnungsansprache. „Das machte mich hellhörig, und daher fragte ich nach, ob es im Familienbesitz noch Unterlagen oder Fotos gäbe. Dies bejahte Ursula Karting, und so nahmen die Dinge ihren Lauf.“ Anhand zahlreicher Feldpostbriefe und Fotografien besagten Großvaters, des Vizefeldwebels Wilhelm Karting, an seine spätere Frau Käthe Cramer konnte Ulrich Schiers die Einsätze der Pionier-Landungs-Kompanie vom Ende Juli 1915 bis Mitte April 1918 nachverfolgen. Zugleich wertete er zahlreiche Archivalien und Fotos aus dem Museumsarchiv aus. Neben bisher noch nie gezeigten Exponaten aus dem Magazin des IMMH, dem Stadtmuseum Harburg und dem Museum für Hamburgische Geschichte unterstützen die Ausstellung aber auch Museen und private Sammler aus Finnland.

Beteiligung am finnischen Freiheitskrieg

Mit Finnland verband den kürzlich verstorbenen Museumsgründer Prof. Peter Tamm Sen. seit vielen Jahren eine enge Freundschaft. Gemeinsam mit der John Nurminen-Stiftung in Helsinki zeigte er beispielsweise vor einigen Jahren eine vielbeachtete Gemäldeausstellung. Für die Sonderausstellung kam es jetzt erneut zu einer Zusammenarbeit mit Finnland: Das finnische Marinemuseum „Forum Marinum“ in Turku stellte beispielsweise eine russische Seemine von 1908 zur Verfügung, und der „Traditionsverband des Freiheitskrieges“ steuerte diverse Freiheitskreuze und andere Auszeichnungen aus dem finnischen Freiheitskrieg bei. Weitere Exponate stammen aus dem „Museum am Wasserturm“ in Hohenlockstedt, das die Geschichte der finnischen Unabhängigkeitsbewegung dokumentiert.

Da aus dem Bürgerkrieg im Kontext der russischen Revolution zu Beginn des Jahres 1918 ein Befreiungskampf gegen die russische Fremdherrschaft wurde, leistete das Deutsche Reich dem finnischen Staat militärischen Beistand. Es kam im Februar 1918 erneut zu einer großen Landeoperation. Sie trug den Decknamen „Holüber“. Die Pionier-Landungs-Kompanie war bei der Operation erneut beteiligt und entlud Pferde, Fahrzeuge, Munition und Massengut in Hangö, der südlichsten Stadt Finnlands. Am 14. April nahmen deutsche und finnische Truppen Helsinki ein. Anfang Mai war Finnland befreit. Die deutsche Unterstützung beim Kampf um die Unabhängigkeit spielt auch heute noch in Finnland eine große Rolle. Das erklärte auch die Teilnahme zahlreicher finnischer Gäste in Uniform und Zivil bei der Eröffnungsveranstaltung im IMMH. Für Kurator Ulrich Schiers gab es als Anerkennung für seine umfangreichen Recherchen zur Ausstellung das „Blaue Kreuz“ zur Erinnerung an den finnischen Freiheitskrieg von 1918.

Text: Stephan-Thomas Klose
Fotos: Stefanie Klose

Zur Ausstellung ist ein kleiner, gut illustrierter Katalog erschienen, der im Buchhandel erhältlich ist oder direkt im IMMH erworben werden kann: „Von Harburg nach Finnland – Die Pionier-Landungs-Kompanie und ihr Einsatz im Ersten Weltkrieg“, Mittler & Sohn, Hamburg 2017, 104 Seiten/77 Abb. in SW und Farbe, 9,95 EUR

Weitere Infos: www.imm-hamburg.de/museum/sonderausstellung/

Leinen Los!-Autor Stephan-Thomas Klose im Gespräch mit Kurator Ulrich Schiers vor der einzigen erhaltenen russischen Ostseemine von 1908.

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