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„Ich kann das nicht vergessen“

Matthias Esselbach hat die Kartons zwei Mal nachgezählt: „Es sind wirklich 13“, sagt er. 13 Kartons gefüllt mit dem druckfrischen Buch über Gerhard Rynkowski, den Matrosen vom U-Boot 313, der einer der letzten Zeitzeugen eines brutalen Seekriegs ist. Durch das Leben des heute 93-Jährigen ziehen sich die Zahlen 13 und 3 bis heute wie ein roter Faden. Am 13.  März 1943 wird er zur 3. Kriegsschifflehrabteilung nach Lübeck abkommandiert. Mit 13  Leuten ist er in Stube 13 untergebracht, in Lübeck wird er dem U-Boot 313 zugewiesen.

Was danach geschieht, ist jetzt in einem Buch festgehalten, das der Langerwischer Matthias Esselbach nach den Erzählungen des Matrosen geschrieben hat, der heute in Wittbrietzen wohnt. Die Bordgeschichten spannen einen Bogen vom Stapellauf, als das U-Boot nicht ins Wasser rutschen wollte und erst gekeilt und gezogen werden musste, bis hin zur Operation „Deadlight“. Diese Operation der Alliierten besiegelte das Schicksal der U 313 und anderer deutscher U-Boote, die den Krieg überlebten und am Ende doch versenkt wurden und vor England auf dem Meeresgrund landeten.

Der Buchautor hatte sich zu 20  Interviews mit Gerhard Rynkowski getroffen. Entstanden ist daraus ein bemerkenswertes, 148 Seiten starkes Werk, das aus dem Kriegsgeschehen, wie es Rynkowski erlebte, alles andere als eine Heldenverehrung macht. Es ist auch ein Anti-Kriegsbuch. Er habe einen kleinen Teil seiner vielen Erlebnisse während des grausamen Zweiten Weltkriegs für seine Kinder, Verwandten, Freunde, Bekannte und Interessierte aufgeschrieben, heißt es im persönlichen Vorwort. „Ich verbinde es mit der großen Bitte, Frieden und Völkerverständigung allzeit auf der Erde zu unterstützen, damit uns unser blauer Planet noch sehr lange erhalten bleibt“, schreibt Rynkowski und fügt hinzu: Nur „Ein bisschen Frieden…“ genügt dafür nicht!

Als er das erste Buch in der Hand hält, atmet Rynkowski tief durch. „Ich kann das nicht vergessen“, sagt er. Rynkowski erzählt das Geschehen heute noch bis ins kleinste Detail. Zum Beispiel, wie die U 313 Ostern 1944 im Nordatlantik Geleitzüge der Kriegsgegner aufspüren soll und dabei selbst in Not gerät.

Englische Zerstörer greifen das U-Boot an. Um den Wasserbomben zu entkommen, sinkt es auf 200 Meter, obwohl die Werft, die es gebaut hat, nur für 90 Meter eine Tauchtiefen-Garantie gegeben hat. In Momenten ohne Explosionen ist das Knirschen und Knacken im Metallkörper zu hören. Das Boot gerät in Schräglage, Wasser dringt ein, die Pumpsysteme aber können sie nicht einschalten, weil die Verfolger das Geräusch gehört hätten. Damals kommt Rynkowski, der im späteren Leben auch Ökonomie studiert und seine Arbeit mit „Magna cum laude“ („mit großem Lob“) abschließt, auf die Idee, die Handpumpe zu benutzen. Die Handpumpe, mit der er das Wasser herausbeförderte, ist im reichbebilderten Buch abgebildet.

Seine Erinnerungen sind eingebunden in bräunlich gefärbte Buchdeckel, die dem Soldbuch von damals nachempfunden wurden. Jenes Soldbuch, das er in englischer Kriegsgefangenschaft in einem Päckchen einem Mädchen in der Küche gegeben hat, um es zu bewahren. Cherry, das englische Mädchen, gibt das Päckchen später einem deutschen Heimkehrer mit, der es per Post dann an die Heimatadresse Rynkowskis schickt.

Der U-Boot-Matrose ist im hohen Alter sogar überregional bekannt geworden. Es gibt auch schon eine Anfrage für eine Buchlesung. Zwei junge Leute recherchieren zur Geschichte der Marine und haben Rynkowski nach Genthin (Sachen-Anhalt) eingeladen, wo er aus seinem Buch lesen soll. Nach dem MAZ-Artikel über ihn im Januar 2018 bekam er sogar eine E-Mail aus Frankreich, in der ein Franzose in schwierigem Englisch sein Interesse an der Lebensgeschichte zeigte. „Der genaue Wortlaut muss noch entschlüsselt werden“, sagt Matthias Esselbach.

Zwischen ihm und Gerhard Rynkowski ist ein tiefes Vertrauensverhältnis gewachsen. So tief, dass Esselbach schlucken muss, als er das Nachwort des Matrosen fürs Buch aufschreibt.

Darin heißt es: „Mein wirklich allerletzter Tauchgang soll im Nordmeer sein. Mein Wunsch ist es, dass nach meinem Ableben von dieser Welt die Urne mit meiner Asche von meinen Kindern als Seebegräbnis zwischen Spitzbergen, Jan Mayen und dem norwegischen Nordkap dem Nordmeer übergeben wird.“ Dort war das Haupteinsatzgebiet des Matrosen vom U-Boot 313.

Autor: Jens Steglich für die Märkische Allgemeine Zeitung, erschienen am 30. Mai 2018

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