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Küstensturm über Brandenburg

„Angespannt lehnen wir an einer halb eingefallenen Mauer. Die großen, schweren Schneeflocken bedecken langsam unsere regungslosen Körper. Einer von uns blickt gebannt auf das alte Gerichtsgebäude am Ortsrand. Die Schindeln an der Außenwand sind größtenteils zerschossen, doch in der Trümmerwüste um uns herum wirkt das Gebäude fast wie ein Neubau. Oberflächlich betrachtet deutet nichts darauf hin, dass die winterliche Stille bald von einem Sturm durchbrochen wird. Ich blicke auf die Uhr. Noch eine Minute. Der Puls steigt. Ich spiele noch einmal den Ablauf im Kopf durch: Deckungsfeuer – Nebel – Sperre öffnen – Handgranate – Leiter – Ungewissheit. Plötzlich geht es los. Das Maschinengewehr im ersten Stock der Ruine rechts von uns, unsere Lebensversicherung, feuert beinah ununterbrochen auf das Seitenfenster im ersten Stock des Gerichtsgebäudes. Die Einbruchsstelle muss sorgfältig ausgewählt sein. Wir haben den ersten Stock gewählt, denn der Feind wird sicherlich damit rechnen, dass wir im Erdgeschoss eindringen werden und Vorkehrungen getroffen haben. Nach kurzer Zeit ist die Einbruchsstelle sturmreif geschossen. Doch wir können nicht einfach stürmen. Zwischen uns und dem Fenster liegt eine Drahtsperre. Unmöglich, dort drüber zu springen. Um beim Räumen der Sperre nicht aufgeklärt zu werden, hüllt der Blendtrupp die Straße zwischen uns und dem Gebäude in dichten Nebel. „Nebel liegt!“ schallt es von halb links. Wir vier, der erste Trupp, stürmen hinter der Mauerecke hervor und werfen den Wurfhaken in die Sperre. Wir ziehen wie verrückt, doch der Stacheldraht ist zu gut im Boden verankert. Zurück können wir nicht, also was tun? Der Angriff darf um keinen Preis ins Stocken geraten. Es liegt an uns, wir müssen da durch! In zehn Metern Entfernung steht ein zerschossenes Auto. „Alle ran an den Kofferraum! Wir schieben das Auto in den Draht!“ – eine unkonventionelle Idee, aber sie funktioniert. Flink klettern wir über das Dach, überwinden die Sperre und erreichen die Außenwand des Gerichts. Keine Zeit zum Durchatmen. Während wir die Leiter, die wir im Trupp mitgeführt haben, ans Fenster stellen, schlagen über uns die Geschosse unseres Maschinengewehres ein, die den Feind im zweiten Stock niederhalten. „Granate!“ Mein Vordermann wirft seine Handgranate durch das zerschossene Fenster über uns. Detonation. Ich zähle, 21… 22… 23 und klettere, Waffe im Anschlag, die wacklige Leiter hinauf. Während sich der Staub im Raum langsam legt, springe ich durch das Fenster und sichere unverzüglich die nächste Tür. Der Rest meines Trupps folgt. Wir haben die Einbruchstelle erfolgreich genommen und geben das Zeichen zum Nachziehen für die restlichen Sturmtrupps. Raum für Raum, Stockwerk für Stockwerk kämpfen wir uns durch das Gebäude. An jeder neuen Tür steigt die Anspannung aufs Neue ins Unerträgliche, obwohl wir die Abläufe drillmäßig verinnerlicht haben. Einer muss als erstes durch die Tür, egal, was auf der anderen Seite wartet. Irgendwann hören wir die erlösenden Worte „Gebäude feindfrei!“, in die wir erleichtert und aus voller Kehle einstimmen. -Übungsende-.“

Obwohl die schießende Abteilung an diesem unwirklichen Wintertag auf der Ortskampfanlage I, kurz OKA I, des Truppenübungsplatzes LEHNIN weiß, dass es sich nur um eine Übung handelt, fühlt sich dennoch alles sehr real an. Die Konzentration muss hoch sein, schließlich wird auf engstem Raum im scharfen Schuss geübt. Die Gruppen- und Zugführer der Küsteneinsatzkompanie (KEK) bilden sich in diesen Tagen Mitte Januar 2018 im Orts- und Häuserkampf auf dem Truppenübungsplatz LEHNIN in der Nähe von POTSDAM weiter. Der Einsatzschwerpunkt der Einheit liegt im küstennahen Bereich, beispielsweise in der Sicherung von Hafenanlagen oder der Evakuierung deutscher Staatsbürger aus Krisenregionen über den Seeweg. Da weite Teile der weltweiten Küstengebiete infrastrukturell erschlossen sind, muss der Kampf im urbanen Gelände zum Fähigkeitsspektrum eines jeden Marineinfanteristen gehören. Im Rahmen der „Ausbildung der Ausbilder“, kurz AdA, eignet sich das Stammpersonal der KEK die Fertigkeiten und Verfahrensweisen an, die es braucht, um im hochintensiven Gefecht im bebauten Umfeld zu bestehen.

Zum einen geht es darum, die Vorschrift in die Tat umzusetzen, Standardverfahren drillmäßig einzustudieren und dass ein oder andere einfach „auszuprobieren“, um Handlungssicherheit als Ausbilder zu erlangen. Getreu der Weisheit „Für das Können gibt es nur einen Beweis: das Tun“, legen hier die Gruppen- und Zugführer selbst Hand an, sei es beim Einschlagen von Fenstern, Sprengen von Drahtsperren oder Erklimmen von Gebäudewänden, um die gewonnenen Erfahrungen in den kommenden Wochen an die unterstellten Soldaten der Kompanie weitergeben zu können. Der Themenkomplex Orts- und Häuserkampf ist facettenreich, angefangen bei der Ausbildung des Einzelschützen im Umgang mit Zugangswerkzeugen oder dem Sprengrohr zum Öffnen von Drahtsperren. Im Trupp- und Gruppenrahmen wird das Vorgehen auf Straßen sowie der Kampf im Raum, von Raum zu Raum und von Stockwerk zu Stockwerk geübt. Als Höhepunkt wird im Zugrahmen ein gesamtes Gebäude genommen, angefangen bei der Operationsplanung, bis hin zum Abtransport von Verwundeten. Hierbei setzt die KEK das laserbasierte Simulationssystem AGDUS ein, mit der die Waffenwirkung durch Sender- und Empfängermodule unmittelbar dargestellt werden kann. Auch die Bedrohung durch Scharfschützen im urbanen Umfeld wird dem Führungspersonal der KEK am eigenen Leib mit AGDUS demonstriert. Während einer Übung im Rahmen einer Patrouille im Ort zeigen die Scharfschützen der Aufklärungskompanie des Seebataillons ihre Fähigkeiten und führen den Ausbildern die hohe Ausfallquote im Ortskampf vor Augen.

Über das Erlernen von Fertigkeiten hinaus schult die AdA im Orts- und Häuserkampf Entscheidungsfreude, Instinkt und Kreativität des Führungspersonals. Da der beste Plan meist nur bis zum ersten Feindkontakt hält, gilt es, im multidimensionalen und extrem schnelllebigen Kampf im urbanen Umfeld zu improvisieren. So wird, wie im obigen Gefechtsausschnitt dargestellt, kurzerhand ein zufällig herumstehendes Fahrzeug im Alle-Mann-Manöver in eine Drahtsperre geschoben, um sie zu überwinden. Der Geistesblitz dieses Augenblicks offenbart die für den Ortskampf charakteristische Unvorhersehbarkeit, der sich der militärische Führer mit Willenskraft, Entscheidungsstärke und dem unbedingten Drang nach vorn entgegenstellen muss. Von den so entstehenden Bildern, die keinem Lehrbuch entnommen werden können, können die Ausbilder der KEK zehren.

Nicht zu unterschätzen ist die gruppendynamische Komponente der AdA. Lange Gefechtstage, gemeinsames Lernen, Fehler machen und Herausforderungen meistern – all das schweißt zusammen und schwört die Ausbilder der KEK aufeinander ein.

„Ein eisiger Südwind pfeift durch die Ruinenlandschaft auf der OKA I. Wir prüfen ein letztes Mal unsere Nachtsichtgeräte und Waffen vor der Befehlsausgabe. Übungsbeginn. Nur diesmal sind wir fachlich, geistig und psychisch noch besser gerüstet als beim letzten Sturm auf das Gericht. Denn wir haben Handlungssicherheit.“

Text: Jan-Hendrik Webert, Oberleutnant zur See und Zugführer des III. Zuges KüstenEinsKp
Quelle: Presse- und Informationszentrum Marine

Sturmtrupp im Sprung ans Gebäude.

Sturmtrupp klar zum Nachziehen.

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