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Mythos HERTEN

Im Jahr 1995 war Alexander Zaradny für kurze Zeit Besatzungsmitglied auf dem Schnellen Minensuchboot HERTEN. Diese Zeit hat er nie vergessen. Im Folgenden beschreibt er aus seiner Sicht, wie er zunächst versuchte, frühere Kollegen zu finden und sich schließlich auf dem Ehemaligentreffen wiederfand:

Es gibt Dinge im Leben, die passieren – und man vergisst sie. Und dann gibt es Dinge im Leben, die passieren – und sie lassen dich nie wieder los. Zur zweiten Kategorie gehört definitiv meine kurze Fahrenszeit auf dem Schnellen Minensuchboot HERTEN. Als Wehrpflichtiger durfte ich im Jahr 1995 leider nur für eine sehr kurze Zeit an Bord sein und ein Manöver in Norwegen mitmachen.

Andere hatten definitiv mehr Glück. Unser „Puster“ (eigentlich DER Puster), Stefan Henseling, fuhr zum Beispiel ganze acht Jahre auf der HERTEN. Ralf Ebert diente vier Jahre als 11er auf der HERTEN. Solange Zeiten auf ein und derselben Einheit sind heutzutage kaum noch vorstellbar.

Und ich? Über 20 Jahre lang habe ich die paar Wochen an Bord nicht vergessen. Je mehr Zeit verging, desto mehr wollte ich die Jungs von damals wieder sehen. Ich fing an zu suchen: auf Google, Facebook und in anderen sozialen Netzwerken. Auf Facebook stieß ich auf zwei verschiedene Gruppen mit den Namen „SM-Boot HERTEN M1099“ und „Minenjagdboot HERTEN“. In beiden Gruppen wurde ich freundlicherweise schnell aufgenommen. Leider erfuhr ich kurze Zeit später, dass die alte Lady schon bald außer Dienst gestellt werden sollte. Ich konnte es zuerst gar nicht glauben. „So alt ist sie doch noch gar nicht“, sagte ich zu mir selbst. „Was soll der Mist?“

Doch, ob ich es glauben wollte oder nicht, der Tag der Außerdienststellung rückte näher. Die letzte Besatzung hatte trotz der traurigen Aufgabe, das Boot leer zu räumen, genug Kraft und Energie, sich um uns „Ehemalige“ und „Interessierte“ zu kümmern. Dafür einmal herzlichen Dank an dieser Stelle. Ihr habt das toll gemacht!

Mein Name fand seinen Weg auf die Gästeliste für die Außerdienststellung, und am 30.06.2016 fuhr ich für diesen traurigen Anlass nach Kiel ins ehemalige Arsenal. Viele Ehemalige, darunter sogar einige Mitglieder der Erstbesatzung, waren angereist. Dazu kamen viele Vertreter aus der Patenstadt Herten, zu der über all die Jahre stets ein reger und guter Kontakt gehalten worden war. Der Einzige, den ich von damals noch kannte, war mein ehemaliger Kommandant Volker Richter. Neben ihm erschienen noch sieben weitere ehemalige Kommandanten. Für eine vergleichsweise kleine Einheit ist das eine sehr beachtliche Anzahl.

Als ich an Bord ging und durch das Achterschott die Luftschleuse erreichte, war er sofort wieder da, dieser eigene Geruch des Bootes. Eine Mischung aus Öl, Diesel und anderen Stoffen umströmte meine Nase. Ein Geruch, den man NIE vergisst. Es war schön, sich noch einmal in Ruhe umsehen zu dürfen. Von oben nach unten, von vorn nach achtern – alles wurde erkundet. Dabei lernte ich Steffen Otto aus München kennen. Er war damals kurz nach mir als Heizer an Bord. Und nach all der Zeit konnte er mir noch vieles aus seinem Bereich erklären, das war sehr interessant. Wir verstanden uns auf Anhieb sehr gut, freundeten uns an und trafen uns zur Kieler Woche 2017 und 2018 wieder.

Die Tatsache, dass er der Einzige von damals war, zu dem ich Kontakt hatte, sollte sich bald ändern – und zwar in einer Art und Weise, wie ich es niemals für möglich gehalten hätte. Eines Tages erzählte Steffen mir, dass „unser“ Puster eine WhatsApp-Gruppe mit rund 40 bis 50 Ehemaligen gegründet hatte, von denen alle mit ihm zusammen zwischen 1990 und 1998 auf der HERTEN gefahren waren. „Soll ich mal fragen, ob er Dich aufnimmt“, fragte Steffen mich. Meine Antwort: „Was für eine Frage!? Natürlich!“ Kurze Zeit später erhielt ich die Einladung in die Gruppe, und „Puster“ stellte mich vor mit den Worten: „Soeben wurde einer meiner vielen Gasten eingeladen. Alexander Zaradny alias ‚ZapZap‘. Willkommen!“ Den Spitznamen ‚ZapZap‘ hatte ich damals an Bord erhalten: Vielen war mein Nachname zu schwer auszusprechen und so wurde aus Zaradny erst ‚Zap-ZerapZapZap‘ und schließlich ‚ZapZap‘.

Mann, war ich happy! Endlich hatte das Suchen ein Ende. Doch damit begann eine ganz neue Geschichte. Über die WhatsApp-Gruppe wurden Anekdoten und Seemannsgarn von früher ausgetauscht. Zum Beispiel hatte der Obergefreite E. irgendwann während der Fahrt die Lotsenleiter im Meer versenkt. Mit der für ihn obligatorischen Kippe im Mund kam er auf die Brücke und sagte dann den mittlerweile legendären Satz: „Jungs, es ist nicht so schlimm wie Ihr denkt – es ist viel, viel schlimmer!“ Außerdem geisterte immer wieder das Wort „Ehemaligentreffen“ durch diese kleine HERTEN-Welt. Und für eben dieses Ehemaligentreffen fiel auf einmal der Startschuss. Als möglicher Termin kristallisierte sich das Wochenende vom 20. bis 22. April 2018 heraus, der Versammlungsort sollte Kiel sein.

Damit jedoch nicht genug. Natürlich braucht so ein verrückter Haufen für so einen erlesenen Anlass auch T-Shirts. Aus diesen vermeintlich „ordinären“ T-Shirts wurden schließlich bestickte Poloshirts, Kapuzenjacken, Fleecejacken und Ballcaps – man will ja auch gut aussehen und sich mit ‚seiner‘ HERTEN identifizieren. Mehr noch: Nicht das Wappen des 3., sondern das des 5. Minensuchgeschwaders musste diese Textilien zieren. Die Hauptakteurin selbst sollte ebenfalls genauso aussehen wie damals: zwei 40mm Geschütze und nur eine 12m HF-Antenne (für SK210). Schließlich waren wir Minensucher, keine -jäger. An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei Daniel Funk von Marine-Supply bedanken, der für uns die Textilien gefertigt hat. Das war ein super Job.

Mit der Aufregung und Vorfreude wuchs gleichermaßen die Anzahl der Teilnehmer. Fanden sich zu Beginn lediglich rund 20 Kameraden, die zu einem Treffen kommen wollten, waren es am Ende 32. Der Kommentar von Puster beim Betrachten der Teilnehmerliste: „ZapZap, ich hab Gänsehaut!“

Der besagte Termin rückte näher – und 32 eigentlich recht erwachsene Leute verwandelten sich so ganz allmählich in eine Schar kleiner Kinder, die sich auf Weihnachten freuen. Eigentlich sollte das Treffen gemäß unseres selbst gestrickten Dienstplans erst um 19:00 Uhr mit dem Beziehen der Unterkünfte losgehen. Eigentlich, denn ein paar von uns trafen sich bereits am Nachmittag in einem Biergarten an der Kiellinie. Natürlich hatte jeder von uns seine „Erste Geige“ an. Jedenfalls gab es hier schon einmal das erste große „Hallo“.

Später im Stützpunkt, nachdem die meisten eingetroffen waren und ihre Kojen bezogen hatten, kam endlich auch unser Puster an. Leider hatte er viel Zeit im Stau verloren. Aber besser spät, als nie. Es war ein tolles Gefühl, ihn nach 23 Jahren wieder zu sehen. Zu Fuß verlegten wir in die Forstbaumschule, wo wir uns ausgiebig um unser leibliches Wohl kümmerten. Bis spät in die Nacht wurden unendlich viele Geschichten ausgetauscht, sich (wieder) kennen gelernt und ganz viel gelacht.

Der Samstagmorgen begann mit einem gemeinschaftlichen Frühstück in der OHG im Stützpunkt. Wieder zu Fuß ging es zum Fähranleger Bellevue. Auf dem Weg dorthin wurden einige Fußgänger auf unsere tollen Shirts aufmerksam – sprachen uns zum Teil sogar darauf an. Damit hatten wir nicht gerechnet. Ziel der Fährfahrt war das Marine-Ehrenmal in Laboe. Bei schönstem Wetter wurde alles erkundet: das Technische Museum U 995, das Marine-Ehrenmal und die Historische Halle. Der Blick vom Turm war sehr beeindruckend und aufgrund des Kaiserwetters an diesem Tag hatten wir eine gute Sicht.

Auf dem Rückweg mit der Fähre fuhren wir bis zum Anleger am Hauptbahnhof. Der Grund dafür war simpel: Wir wollten noch einmal einen Blick auf unsere gute alte HERTEN erhaschen, die seit der Außerdienststellung 2016 im ehemaligen Arsenal mit ihren Schwesterbooten liegt. Leider war ein Besuch der alten Dame aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich. Zu gern hätten wir alle noch einmal unser Auslauflied (Freddy Quinn – 100 Mann und ein Befehl) und unser Einlauflied (Highland Cathedral) an Bord gehört, wenn auch nur über viel zu kleine Handylautsprecher. Zum Glück blieb dies der einzige Wermutstropfen an diesem Wochenende.

Zurück im Stützpunkt wartete ein leckeres BBQ in der OHG auf uns. Doch bevor wir uns wieder den kulinarischen Genüssen zuwenden konnten, wurden erst einmal Gruppenfotos gemacht. Schließlich waren mittlerweile auch jene angereist, die am Freitag noch nicht dabei sein konnten. Und tatsächlich: 32 Mann, darunter zwei Kommandanten und unser STO Kay-Uwe Andresen, gruppierten sich für die Fotos.

Als höchstinteressant erwies sich die Vorstellungsrunde nach dem Essen. Jeder erzählte kurz über das, was er nach seiner Fahrenszeit erlebt und gemacht hat, bzw. heutzutage macht. Tolle Geschichten, tolle Erlebnisse bekamen wir dort zu hören.

Leider machte die OHG schon um Mitternacht zu, so dass der Teil von uns, der noch nicht in die Koje wollte, sich im Anschluss in der Pinasse wieder traf. Dort ging es fröhlich weiter bis in die tiefe Nacht. Wie kann es auch anders sein? So ein Wochenende, auf das man sich so lange gefreut hat, geht immer schneller vorbei, als man denkt – vor allem so ein schönes und erfolgreiches wie dieses.

Nach dem Sonntagsfrühstück fingen die Verabschiedungen an – manch einer begann, rund um die Augen leicht zu schwitzen. Für uns steht fest, dass wir uns zum 30. Jahrestag der Indienststellung der HERTEN in ihrer Patenstadt wieder treffen wollen.

EPILOG

Mittlerweile sind seit dem Treffen ein paar Monate ins Land gezogen. Bereits im April hatte ich den Gedanken, diesen Artikel zu schreiben – doch leider gibt es auch noch einige andere Dinge im Leben, so dass manches auf die lange Bank geschoben werden muss. Dank der „Wartezeit“ habe ich allerdings nun die Gelegenheit, drei Dinge zu ergänzen, die sich nach dem Treffen ereignet haben:

Martin ‚Johann‘ Kettig und der ehemalige Radarmeister und spätere Kommandant Michael Sinke waren die Hauptorganisatoren für das Ehemaligentreffen (dafür ein dickes „Bravo Zulu“). Beim Einsammeln des Geldes für die Verpflegung, Bewirtung und Übernachtung stellten sie fest, dass fast jeder von uns deutlich mehr gegeben hatte, als gefordert. Am Schluss stand eine beachtliche Summe im Raum, und man traf gemeinsam die Entscheidung, das Geld zu spenden. Durch weitere Zuwendungen von drei oder vier Kameraden waren wir letztendlich in der Lage, jeweils 200,- € an die DGzRS und an das Ronald McDonald-Haus zu spenden.

Das zweite Ereignis fand auf der Kieler-Woche 2018 statt. Theo, Steffen, Martin und ich hatten uns dort für das erste Wochenende verabredet – natürlich auch, um am Samstag den Stützpunkt zu besuchen. Während unseres Aufenthalts wurden wir von einem Offizier der Deutschen Marine sinngemäß wie folgt auf unsere Shirts angesprochen: „Hallo und guten Tag. Ich habe da eben einen Schiffsnamen gelesen, dem ich sehr wohlgesonnen bin. Mein Name ist Korvettenkapitän Olaf Hoffmann, ich war der vorletzte Kommandant der HERTEN.“ Das hat uns wirklich sehr beeindruckt.

Und das Schönste zum Schluss: ‚Puster‘ hat sich dazu entschieden, die WhatsApp-Gruppe nicht zu löschen. Eigentlich hatte er sie nur ins Leben gerufen, um das Ehemaligentreffen in die Wege zu leiten. Da jedoch die Kameradschaft nach wie vor so groß ist und man sich schon morgens um 5:00 Uhr auf das allgemeine „Moin“ einiger Kameraden freut, soll die Gruppe auch weiterhin Bestand haben.

Text: Alexander ‚ZapZap‘ Zaradny
Fotos: siehe Bildunterschriften

Ehemalige Besatzungsmitglieder bilden die Buchstaben HTN für „HERTEN“. Foto: Sascha Hartmann

Blick vom Marine-Ehrenmal. Foto: Alexander Zaradny

Rückenmotiv der Poloshirts. Copyright: Alexander Zaradny

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