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„November 2018 – Ereignis- und Wirkungsgeschichte des Matrosenaufstands“

Symposium und Podiumsdiskussion mit hochkarätigen Experten und Gästen

Kiel. In diesen Tagen jähren sich der Kieler Matrosenaufstand und die Novemberrevolution zum 100. Mal. Es sind Ereignisse, die nicht nur weitreichende Folgen für die deutsche Geschichte, sondern auch gravierende Auswirkungen auf die nachfolgenden deutschen Marinen hatten. Die staatspolitischen Folgen des Aufstandes sind hinreichend bekannt. Doch wie sieht die Vorgeschichte der Matrosenmeuterei aus, wie groß war die Reichweite wirklich und welche Nachwirkungen gibt es bis in die heutige Zeit? In der Gesellschaft, in Marine und unter Historikern werden die damaligen Geschehnisse und ihre Wirkungsgeschichte bis heute kontrovers diskutiert.

„Uns ist es wichtig, ein ausgewogenes, reflektiertes Bild der Kieler Ereignisse in der Fördestadt zu zeichnen. Das ist das Ziel der heutigen Veranstaltung, der ich einen guten Verlauf und angeregte, aber trotz der Emotionalität des Themas sachliche Diskussionen wünsche“, sagte Heinz Maurus, der Präsident des Deutschen Marinebunds e.V., am Beginn des wissenschaftlichen Symposiums zur „Ereignis- und Wirkungsgeschichte des Matrosenaufstands“ am 15. November in Laboe.

Daher stand im Mittelpunkt der Betrachtung vor allem das „Innere Gefüge“ der Kaiserlichen Marine. „Wir wollen uns mit den erkennbaren Führungsfehlern und der daraus folgenden unüberbrückbaren Kluft zwischen Offizieren und Mannschaften beschäftigen“, so Maurus.

Im Panel zur Ereignisgeschichte unter Leitung von Prof. Dr. Epkenhans, Potsdam wurde ein Bogen der Geschehnisse von den Matrosenunruhen 1917 bis zur Meuterei 1918 (Vortrag von Dr. Jann M. Witt, DMB) über die Probleme der Menschenführung in der Kaiserlichen Marine (Vortrag von FKpt Dr. Christian Jentzsch, ZMSBw) bis zu den Ereignissen in Kiel im November 1918 (Vortrag von Dr. Martin Rackwitz, Kiel) gespannt.

„Die Lehren können nur sein, dass das wesentliche Erfolgsrezept für moderne Seestreitkräfte die feste Einbindung in die freiheitlich-demokratische Grundordnung und eine werteorientierte, zeitgemäße Menschenführung ist. In mehr als 60 Jahren Bundeswehr hat sich die ‚Innere Führung’ bewährt“, so der Historiker des DMB, Dr. Jann M. Witt.

Allerdings müsse das Prinzip der Inneren Führung aktiv gepflegt und mit Leben gefüllt werden; es müsse sich immer wieder der Diskussion innerhalb und außerhalb der Streitkräfte stellen und auch kritisch hinterfragt werden dürfen.
Im zweiten Panel, das sich mit der Wirkungsgeschichte beschäftigte, wurden unter Leitung von Dr. Stephan Huck, Deutsches Maritimes Museum, Wilhelmshaven, der Matrosenaufstand und die Novemberrevolution ebenso wie deren Vor- und Nachgeschichte intensiv aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. „Kiel und die Revolution – Zur Wirkungs- und Erinnerungsgeschichte der Ereignisse vom November 1918 in Kiel“ referierte Prof. Dr. Oliver Auge, Christian-Albrechts-Universität (CAU), und Knut Kollex, CAU, betrachtete „Die Rezeptionsgeschichte der Novemberrevolution“.

Maritimes Expertengespräch

Auch das anschließende Maritime Expertengespräch am Abend stand ganz im Zeichen der Meuterei und es wurde der Frage nachgegangen, wie es dazu kommen konnte, dass die Mannschaften der Hochseeflotte, der Stolz des Kaiserreiches, entscheidend zum Sturz der Monarchie beigetragen haben. Das beleuchteten der DMB-Historiker Dr. Jann M. Witt in seinem Impulsreferat einleitend und Jörg Alter, Ministerialrat a.D. und DMB-Referent für Politik und Öffentlichkeitsarbeit, in seiner Einführung in das Thema. Der Fokus lag dabei auf den militärischen Führungsproblemen und den Lehren für die heutige Zeit, in der es um Legitimation und Integration der Streitkräfte in Staat und Gesellschaft geht, mit Konsequenzen für die Innere Führung als moderne Menschenführung.

Es wurde darüber gesprochen, wie heute mit dem Thema Matrosenaufstand und Novemberevolution umgegangen wird. „Heute haben wir das Leitbild des ‚Staatsbürgers in Uniform’ und soldatischer Gehorsam sowie militärische Disziplin sind nicht länger Selbstzweck, sondern an die Werte und Normen des Grundgesetzes gebunden“, sagte Maurus.

Darüber, wie eine moderne Menschenführung auf der Grundlage unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung heute gestaltet wird, und was möglicherweise auf politischer und militärischer Ebene noch verändert oder verbessert werden sollte, sprachen Dr. Hans-Peter Bartels, Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages, Generalmajor Reinhardt Zudrop, Kommandeur Zentrum Innere Führung der Bundeswehr, und Flottillenadmiral Rainer W. Endres, Abteilungsleiter Personal, Ausbildung und Organisation im Marinekommando, bei der Podiumsdiskussion, die Wolfgang Ludwig, Oberstleutnant a.D., Sektionsleiter Kiel der Gesellschaft für Sicherheitspolitik, moderierte.

Bartels, der „Anwalt der Soldaten“ bezeichnete Innere Führung als Ergänzung der äußeren Führung (Befehl und Gehorsam) um ethische und rechtsstaatliche Prinzipien, um innere Werte und ein freiheitliches Gewissen, das jeder Soldat in sich trägt. Er betonte, dass jeder Soldat das Recht auf historische und ethische Bildung habe. Für ihn sei Geschichte immer offen, zum Guten oder Schlechten. „Mögen wir immer Maßstäbe in uns tragen, die zum Guten führen“, wünschte er.

Zudrop zeichnet ein freundliches Bild von der Bundeswehr und berief sich dabei auf eine Umfrage, nach der 80 % der Soldaten zufrieden mit ihrem Beruf und ebenso mit ihrer derzeitigen Verwendung sind. Er schlug den Bogen zwischen Führung damals und heute. „In der Bundeswehr wird dem Thema Menschenführung eine große Bedeutung beigemessen und es wird gut geführt,“ sagte er. Allerdings seien bei einigen Rahmenbedingungen noch Defizite vorhanden und es werde intensiv an Veränderungen gearbeitet. Endres betonte, dass Soldaten heute als Menschen in Uniform betrachtet würden, die über unverbriefte Rechte als Staatsbürger verfügten. „Wir haben heute ein verändertes Menschenbild mit Akzeptanz des Individuums und wir haben viele Rechte“, sagte Endres. Soldaten müssten zwar auch gefordert werden, beispielsweise im Einsatz, aber es gäbe ein Netz an Rechten und Gesetzen in der Bundeswehr als Arbeitgeber.

Das Symposium veranstalteten der Deutsche Marinebund, die Deutsche Maritime Akademie, die Deutsche Marine, das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr und die Abteilung für Regionalgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) gemeinsam, zur Podiumsdiskussion hatten der Deutsche Marinebund, die Deutsche Maritime Akademie und die Gesellschaft für Sicherheitspolitik eingeladen.

Der Deutsche Marinebund e. V. (DMB), gegründet 1891, ist heute der größte maritime Interessenverband Deutschlands. Er fungiert als Dachverband von deutschlandweit mehr als 270 Vereinen sowie zahlreichen Marinekameradschaften und bietet allen mit der Seefahrt verbundenen Menschen ein Forum. In enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Marine und der Handelsschifffahrt fördert er alle Bereiche der deutschen Seefahrt und der maritimen Wirtschaft. Die Bundesgeschäftsstelle des DMB befindet sich im Ostseebad Laboe; der DMB ist Eigentümer der Gedenkstätte Marine-Ehrenmal und des Technischen Museums U 995 in Laboe.

Prof. Dr. Michael Epkenhans während des Symposiums

Blick in das Publikum während des Symposiums

Flottillenadmiral Rainer W. Endres, Abteilungsleiter Personal, Ausbildung und Organisation im Marinekommando, während des Maritimen Expertengesprächs.

Generalmajor Reinhardt Zudrop, Kommandeur Zentrum Innere Führung der Bundeswehr, während des Maritimen Expertengesprächs.

Dr. Jann M. Witt, Historiker des Deutschen Marinebundes, referierte während des Symposium und des Maritimen Expertengesprächs.

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