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RAM-Flugkörper: Korvette „Erfurt“ schießt mit Lebensversicherung

Mit einem Löwen legt man sich besser nicht an. Wo er zubeißt, bleibt nicht viel übrig. Bei der Marine ist das ähnlich – nur dass der Löwe hier schießt. Der Löwe, das ist die ALPHA-Besatzung der Korvette „Erfurt“. An den Aufbauten der Korvette prangt das Wappentier der Landeshauptstadt Thüringens. Die Besatzung des 90 Meter langen Schiffes absolviert heute einen Test. Der letzte Baustein in der Einsatzprüfung der rund 60 Frauen und Männer unter dem Kommando von Korvettenkapitän Ronny Bergner. Im September wurden sie von britischen Marineausbildern für fünf Wochen auf die Probe gestellt und einsatzklar zertifiziert. Heute muss die Crew mit RAM-Flugkörpern anfliegende Drohnen abwehren.

Am Montag ist das Schießgebiet Hohwachter Bucht vor der Kieler Förde für den Schiffs- und Luftverkehr gesperrt. Da lässt man sich jetzt besser nicht blicken. In den Rohren der Korvette „Erfurt“ lagern scharfe RAM-Flugkörper. Wo die einschlagen, wird es heiß. „Der Flugkörper ist unsere Lebensversicherung“, sagt Eloka-Meister André.

Eloka? Das bedeutet: Elektronischer Kampf. André ist Spezialist in dieser Disziplin. Eloka fassen Ausstrahlungen gegnerischer Radaranlagen auf, entdecken anfliegende Flugkörper. Noch weit bevor ein Flugzeug in Sichtweite ist, können sie sagen, wer sich da nähert, dessen Signale stören oder täuschen. Amplitude, Frequenz und Pulsbreite, so klingt das Alphabet der Eloka.

Um sechs Uhr starten die 20.000-PS-Antriebsdiesel im Marinestützpunkt Eckernförde. Keine zwei Stunden vergehen, bis die Korvette das Schießgebiet erreicht. Die Besatzung geht auf Gefechtsstation. Die Operationszentrale arbeitet auf Hochtouren. Der mit Technik vollgestopfte Raum tief im Bauch des Schiffes ist das Herz der Korvette.

Befehle und Meldungen gehen hin und her, schnell und konzentriert. André und seine Kameraden sehen aus wie Rennfahrer. Mit Flammschutzhauben und –handschuhen arbeiten sie an den Konsolen, jeder trägt ein Headset. „Unter Bedrohung müssen wir immer damit rechnen, einen Treffer zu bekommen“, erklärt Korvettenkapitän Bergner. „Explosionen, Feuer, Verletzte liegen in den Gängen – darauf muss man gefasst sein. Wenn wir den Flammschutz von vornherein tragen, sparen wir Zeit.“ Um halb neun sperrt der Kommandant das Oberdeck. „Wahrschau, Waffen drehen und schwenken ohne weitere Warnung“ hallt es durch die Lautsprecher der Korvette. Die erste Drohne wird abgerufen.

Fire and forget mit Mach drei

An Land startet jetzt der Kontrollturm das Fluggerät. Unter der niedrigen Wolkendecke rauscht die Drohne heran. Sie fliegt das Profil eines gegnerischen Flugkörpers, ist auf zwei Kilometer immer noch nicht zu sehen. Egal, denn es gibt ja André. Der hat schon vor 20 Sekunden die Operationszentrale mit der Trillerpfeife alarmiert. Mit der Trillerpfeife? „Klar mit Trillerpfeife. Das geht am schnellsten und ich muss nicht extra eine Meldung über die Headsets sprechen. Jeder weiß sofort, was die Pfeife bedeutet.“

Air Warning Red nämlich. Ein Angriff steht bevor oder hat begonnen. Jetzt geht es schnell, verdammt schnell. Die Zieldaten kommen vom Kampfsystem des Schiffes. „Wenn der RAM-Flugkörper aus dem Starter raus ist, kann ich ihn vergessen. Das ist eine Fire-and-forget-Waffe,“ erläutert der Eloka. Alles, was der Flugkörper in der Luft noch braucht, holt er sich mit seinen Radar- und Infrarotsuchern selbst. Die 70 Kilogramm drehen sich von einer Feststoffrakete getrieben um die eigene Achse – daher der Name: Rolling Airframe Missile. Mit Mach drei schraubt er sich ins Ziel. 1.000 Meter pro Sekunde. Da, wo gerade noch eine Drohne war, ist auf einmal nur noch Schall und Rauch. Neunmal wiederholen die Soldaten das Szenario in drei Stunden.

42 mal Lebensversicherung

„Hier geht es nicht nur um die Organisation und die Abläufe in der Operationszentrale“, sagt Kommandant Bergner. „Sondern es ist enorm wichtig für die Besatzung, die Drohnen zu zerstören und den Flugkörper erfolgreich einzusetzen.“ 42 Stück lagern in den Startern am Bug und am Heck des Schiffes. „Damit schaffen wir Vertrauen in dieses Selbstverteidigungssystem. Der RAM ist unsere effektivste Lebensversicherung.“

Und die brauchen Marinebesatzungen. Die Korvetten überwachen zum Beispiel in der UN-Mission UNIFIL das Seegebiet vor dem Libanon. Die Besatzung hält wochenlang ein Lagebild aufrecht und kontrolliert den Seeverkehr. Dabei muss ein Kriegsschiff immer davon ausgehen, dass es eine Bedrohung gibt. „Alles andere wäre unprofessionell. Am Ende müssen wir kämpfen können“, betont Bergner. Und dass sie das kann, hat die ALPHA-Crewder „Erfurt“ heute mal wieder bewiesen. Der Löwe kann aus dem Käfig. Und der kann mehr als beißen.

Quelle: Presse- und Informationszentrum Marine

Hochkonzentriert sitzen die Soldaten in der Operationszentrale. Über ihre Headsets empfangen sie Befehle und geben Informationen weiter (Quelle: 2017 Bundeswehr / Björn Wilke)

Das RAM-Geschütz steht nicht nur vorne vor der Brücke, sondern auch auf dem hinteren Teil des Schiffes (Quelle: 2017 Bundeswehr / Björn Wilke)

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