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Untergegangen und vergessen – Die Wracks des Seegefechts bei Helgoland

Es war der 28. August 1914, der für vier Schiffe der Kaiserlichen Marine zum Verhängnis werden sollte. Der Erste Weltkrieg dauerte gerade knapp vier Wochen, als es nahe Helgoland zum ersten größeren Seegefecht zwischen der deutschen und der britischen Flotte kam. Für die Kaiserliche Marine war es ein Desaster. Während die Briten nicht einen Schiffsverlust zu beklagen hatten, kostete das Gefecht die Deutschen die drei Kleinen Kreuzer SMS Mainz, SMS Cöln und SMS Ariadne sowie das Torpedoboot V 187. Weitere deutsche Schiffe waren zum Teil schwer beschädigt; 1.240 deutsche Seeleute verloren ihr Leben, waren verwundet oder gerieten in Gefangenschaft.

Über 100 Jahre ruhten die in bis zu 43 Meter Tiefe liegenden Wracks unerforscht auf dem Meeresgrund vor der Insel. Bereits im vergangenen Jahr leitete der Kieler Unterwasserarchäologe Dr. Florian Huber eine wissenschaftliche Expedition zu den Untergangsstellen. Diese hat er nun in diesem Sommer fortgesetzt. „Diese Schiffe sind wie eine Zeitkapsel. Sie können uns viel über den Verlauf des Gefechts und die damalige Zeit erzählen“, sagt Huber über die Tauchgänge.

Bei ihren Untersuchungen hatten die Wissenschaftler mit widrigen Bedingungen zu kämpfen: „Unruhige See, starke Gezeitenströmungen, geringe Sichtweiten und eine Tiefe von über 40 Metern haben uns die Arbeit unter Wasser nicht leicht gemacht. Sich dann noch an den zum Teil stark zerstörten, 70 bis 130 Meter langen Wracks zu orientieren und brauchbare Daten zu sammeln, ist alles andere als einfach gewesen“, berichtet Huber.

Gemeinsam mit seinem Team, das aus Forschungstauchern der Kieler Firma „Submaris“ besteht, hat Huber in den vergangenen Wochen Indizien gesammelt, die dafür sprechen, dass es sich bei einem der versenkten Schiffe um V 187 handeln müsste. Ein einfacher Suppenteller mit Prägung und eine leere Signalpatronenhülse, die exakt in den Zeitraum des Untergangs passen, sowie ein noch geladenes Torpedorohr gaben die entscheidenden Hinweise auf die vermutliche Identität des Wracks. Huber und seine Kollegen haben zudem die genaue Position und Lage festgestellt sowie Foto- und Videoaufnahmen vom Zustand des Schiffs gemacht. Bereits im April wurde es von der Jacobs University Bremen mit Side-Scan-Sonar und Multibeam untersucht. Dabei handelt es sich um auf Schall basierende Techniken zur Ortung und Klassifizierung von Objekten im Wasser.

Britische Kreuzer und Zerstörer versenkten V 187 gegen 9.10 Uhr am Morgen. Das Boot war seit dem Jahr 1911 im Einsatz und galt als Flaggschiff der deutschen Torpedoboote. Es gab 24 Tote. Torpedoboote der damaligen Zeit waren kleine, schnelle Kriegsschiffe, die von etwa 1880 bis 1945 auf den Meeren unterwegs waren. Die Großen Torpedoboote der Kaiserlichen Marine (etwa 70 Meter lang) waren das Äquivalent zu den Torpedoboot-Zerstörern ausländischer Marinen ähnlicher Größenordnung. Die Boote wurden mit einem die Bauwerft bezeichnenden Kennbuchstaben und einer durchlaufenden Nummer bezeichnet. V stand dabei für die Vulcan-Werft in Stettin.

Über 10.000 Schiffe sind laut UN-Kulturorganisation Unesco während des Ersten Weltkriegs weltweit gesunken. „Bei diesen Wracks handelt es sich um sehr komplexe archäologische Fundstellen und bedeutende historische Quellen“, sagt Huber. Sie stammen aus unterschiedlichen Nationen, liegen in verschiedenen Wassertiefen und repräsentieren eine Vielzahl an Schiffstypen und Bauarten. „Viele von ihnen lassen Rückschlüsse auf den hohen Stand der Technik des 20. Jahrhunderts zu. Sie sind Zeugen einer der größten Konflikte der jüngeren Geschichte. Zugleich ermöglicht die Unterwasserarchäologie eine fächerübergreifende Zusammenarbeit. Aufgrund unserer Erkenntnisse können wir die damaligen Ereignisse zusammen mit Marinehistorikern aus einem neuen Blickwinkel betrachten.“

Die diesjährigen Untersuchungen vor Helgoland waren die Weiterführung eines langfristig angelegten Projekts. Für das nächste Jahr sind bereits weitere Tauchgänge an den übrigen Wracks geplant, die seit dem Seegefecht im August 1914 unerforscht auf dem Grund der Nordsee liegen – und Stück für Stück verfallen. „Neben der Bewahrung und wissenschaftlichen Erforschung dieser Fundstellen ist es deshalb wichtig, ein öffentliches Bewusstsein für dieses sensible Thema zu schaffen. Der Schutz dieser Fundplätze unter Wasser – auch vor Raubtauchern – ist zudem wesentlich, um an die Schrecken des Krieges und dessen Geschichte zu erinnern“, betont der 42-Jährige Unterwasserarchäologe.

Unterstützt wird das interdisziplinär angelegte archäologische Projekt unter anderem vom Deutschen Marinebund (Dr. Jann Witt: dr.witt@deutscher-marinebund.de), dem Museum Helgoland (Jörg Andres: andres@museum-helgoland.de), dem Internationalen Maritimen Museum Hamburg (Holger von Neuhoff: hvneuhoff@icloud.com), der Jacobs University Bremen, der Christian-Albrechts-Universität Kiel, der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Unterwasserarchäologie e.V. (DEGUWA), dem Tauchartikelhersteller Mares sowie dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH). Ausführliche Informationen gibt es unter www.seegefecht-helgoland.de

Kontakt:
Dr. rer. nat. Florian Huber / info@florian-huber.info / Mobil: 0151-56 90 99 82

 www.submaris.com oder www.florian-huber.info

Bewachsene Teile der Kesselanlage. Foto: Florian Huber

V 187 im Kaiser-Wilhelm-Kanal. Foto: Bibliothek für Zeitgeschichte Stuttgart

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