Führungskräfteschmiede unter Segeln
Zu einem besonderen maritimen Abend luden die Marinekameradschaft Lütjenburg und der Freundeskreis der Fregatte „Schleswig-Holstein“ kürzlich in die „Alte Schmiede“ ein. Als hochkarätiger Referent konnte der 16. Kommandant der „Gorch Fock“, Fregattenkapitän Elmar Bornkessel, gewonnen werden. Er sprach vor gut besetztem Haus – unter den Gästen befand sich auch Plöns Landrat Björn Demmin – über ein Thema, das aktueller kaum sein könnte: „Segelschulschiffsausbildung in der Zeitenwende“.
Ein Schiff der Superlative
Die „Gorch Fock“, 1958 bei Blohm + Voss in Dienst gestellt, ist weit mehr als nur eine Botschafterin unter weißen Segeln. Die Zahlen, die Bornkessel präsentierte, beeindruckten: Seit der Indienststellung legte die Bark insgesamt 879.666,9 Seemeilen zurück, davon stolze 620.456,4 Seemeilen rein unter Segeln. Rund 26.000 Kadetten haben auf den Planken des Schiffes bisher ihr Handwerk gelernt.
Ausbildung ohne Komfortzone
Doch warum setzt die Deutsche Marine im Zeitalter von Digitalisierung und Hochtechnologie weiterhin auf einen Dreimaster? Die Antwort des Kommandanten war eindeutig: Es geht nicht primär um das Segeln an sich, sondern um ein charakterfestes Führungskräftetraining.
In der Enge des Schiffes, fernab jeder Komfortzone, lernen die Offizieranwärter, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen im Team zu bestehen. „Wind, Wetter und See unmittelbar zu erleben, fördert Kameradschaft, Stressresistenz und Durchhaltevermögen“, so Bornkessel.
Die traditionelle Seemannschaft bilde das Fundament für moderne maritime Professionalität. Es geht um Identität, Kameradschaft und den Stolz, Teil der Marine zu sein. Dass dieses Konzept überzeugt, zeigt auch der Blick ins Ausland: Selbst die britische Royal Navy plant, ihre Offiziere künftig wieder auf Segelschiffen auszubilden.
Projekt 2026: „Work & Travel“ über den Atlantik
Ein besonderer Ausblick galt dem Jahr 2026. Für die anstehende Atlantikreise hat die Marine das innovative Projekt „Work & Travel“ ins Leben gerufen. Junge Menschen im Freiwilligen Wehrdienst haben hierbei die Chance, an der 189. Ausbildungsreise teilzunehmen. Die Highlights der Route:
- die klassische Transatlantikpassage durch die Passatwinde – seglerisch anspruchsvoll,
- Teilnahme an den Feierlichkeiten zum 250. Unabhängigkeitstag in New York,
- Besuche der „Sail 250“ in Norfolk, Baltimore und Boston,
- die seemännische Herausforderung der Rückreise im Nordatlantik von Halifax über Island nach Kiel.
Fazit: Fit für die Zeitenwende
Das Resümee des Abends war deutlich: Die „Gorch Fock“ bildet keine „Segler“ im herkömmlichen Sinne aus – sie formt Persönlichkeiten für die Herausforderungen der Zeitenwende.
Die MK Lütjenburg und der Freundeskreis dankten Fregattenkapitän Bornkessel für die tiefen Einblicke und versprachen, die kommende Atlantikreise gespannt im Internet zu verfolgen.
Text und Foto: Berthold Kieschnick
Fregattenkapitän Elmar Bornkessel




